Sonntag, 9. Juni 2024

Alles neu macht der Mai: vom Suchen und Finden in Tokyo

Da war ich also wieder hier. Das Gedächtnis ist gut im Verdrängen: die Menschenmassen, der Lärm, die Enge. Es ist vor Allem (gefühlt) nix, was auch nicht nicht geändert hätte. Gerade mal die Straßenzüge und Megakaufhäuser sind da, wo sie schon immer waren. 
Harajuku - Laforet und Tokyu- Kaufhaus sind da. Das Gebäude, von dem aus ich fotografiere, ist aber neu am Platz. 
Der Trubel in der Jugendeinkaufsmeile Takeshita-Street ist jetzt selbst am Wochenende kaum zu ertragen. Die alte Rock- und Anime-Subkultur ist aber nur noch vereinzelt zu sehen. Inzwischen dominieren auch hier KPop-Trends und -Mode, was aber absolut Maintream ist. Rock und Gothic sind größtenteils tot, auf jeden Fall aber exclusiver als zuvor (die Geschäfte Closet Child und Body Line hauchen gerade ihr Leben aus bzw. verlagern das Geschäft online). Abgedrehtes Zeug für Schulmädchen-Budget gibt es kaum, dafür exklusive Modemarken für teuer Geld auf der zweiten Seite von Harajuku. Außerdem boomt Second-Hand- Markenmode.  
Selbst den Crêpes-Läden geht es an den Kragen, an der alten Ecke ist nur noch einer übrig. 
Stattdessen schießen neue Gebäude wie Pilze aus dem Boden. Z.B. der Miyashita-Park Richtung Shibiya oder das ganz prominent IKEA direkt vor dem Bahnhof Harajuku (mit lokalisierten Produkten wie Grüntee- Kuchen). Was an altem Charm verloren ist (wahrscheinlich wollte und konnte man in den alten Bruchbuden auch nicht mehr bleiben), wird durch etwas mehr Lebensqualität wett gemacht. 
Der Trend geht zu Grünflächen und Terassen auf den Hochhäusern, so dass man sich zum ersten Mal ordentlich irgendwo hinsetzen kann in der Gegend. 
Selbst Außenbereiche sind häufiger geworden. (Oben der Blick von der Terrasse des IKEA-Gebäudes auf den neuen Bahnhof Harajuku. Unten die andere Seite.)
Im Mai/Juni ein Traum. Wie hier die neue Kneipenmeile am Miyashita-Park. 
Nur finden wollen sollte man nichts. Es ist zu viel, zu voll, zu verwinkelt. Ich konnte mich in Shibuya an nichts erinnern außer an die Hundestatue Hachiko und den Weg zum Book-off (Buchladen), den es nicht mehr gibt. Damit war mein Ankerpunkt weg und mein Orientierungssinn hinüber. Googlemaps und GPS sind dein Freund, trotzdem irrt man ober- oder unterirdirdisch in der Hoffnung, den richtigen Durchgang oder Überweg zum richtigen Gebäude auf der richtigen Etage zu finden. Ein Albtraum, wenn man weder Nerven noch Zeit hat. Zum Glück hatte ich immerhin Letzteres. 
(Die alten Werbeplakate sind kurioserweise noch da in Harajuku. Sunny-Boy erklärt Dummchen, dass sie kein so einfaches Passwort wählen soll. Gesponsert von einer Initiative für IT-Ausbau. Herr(!)lich.)
Essen des Tages: Gegrillter Fisch im Ootoya (Restaurant-Kette). 

Donnerstag, 30. Mai 2024

Helsinki 2024

Kaum sind fünf Jahre vergangen,  ist es mal wieder Zeit für Japan! 

Zunächst aber wartete Helsinki! Eigentlich hatte ich keinen Aufenthalt geplant, aber kaum hatte ich sorgsam die billigste Option ausgesucht, hieß es, die Verbindung habe sich geändert und ich könne Umbuchen. Mach ich: teuren Pfingstfreitag kostenlos umgebucht check! Dem netten Chef noch zwei Tage abgerungen check! Und schon hatte ich 4 Wochen zusammen und eben einen Tag in Helsinki, wenn man denn schon mal über den Norden fährt. Und wenn die 18 Stunden Reise (und sieben Stunden Jetlag)  auf zwei Tage verteilt werden können,  ist das ja auch nicht schlecht. 

Mit Finnair fing es los ins gar nicht so kalte Moomin-Land. Ich kann mitten in der Nacht an und dachte, ich friere bestimmt in meinem Pullover, aber es war eine laue Nacht. Zum Glück konnte ich die Koffer trotzdem nach Tokyo durchchecken, so dass ich nur meinen Rucksack durch die Lande schleppen musste. 

Eine der Hafengegenden von Helsinki

Mein Hostel (Eurohostel) war zimmerseites nicht der Rede wert, der Punkt war aber die finnische Sauna! Da ich vom Packen zwar komplett erledigt (ja, ich habe viel zu viel mitgenommen), aber von der Reise komplett überdreht war,  hatte ich die Sauna früh morgens komplett für mich. :) So ging es doch entspannt in den Tag. 

Helsinki ist eine überraschend schöne Stadt (ich hatte mit einem Kaff wie Reykjavik gerechnet). Ein schöneres Halle trifft auf modernes New York - Dank der Führung zweier Einheimischer ging ( kennengelernt auf einem Konzert im März) die Zeit flugs rum. Helsinki wurde wohl in schwedischer Zeit als Kaff 1550 gegründet, dann 1812 zur Hauptdtadt des neugegründeten Großfürstentums Finnland gemacht. 
Daher hat Helsinki ein klassizistisches Stadtzentrum, denn als Hauptstadt hat die Stadt geklotzt und nicht gekleckert. Vorbild war wohl St. Petersburg. 
Das älteste Haus der Stadt

Es gab auch eine nationalreomantische Epoche, die stark vom Jugendstil inspiriert war.
 Es kircht natürlich auch in der Stadt: In Ziegelbauweise (wie die orthodoxe Uspenski-Kathedrale) oder gleich modernistisisch in den Felsen gehauen (Temppeliaukio-Kirche).

Allerdings gibt es auch einen neuen Teil in Helsinki, der sehr futristisch ausgelegt ist und viel innerstädtischen Raum zur Erholung erschlossen hat. 
Gut erholt dank finnischer Lachssuppe und schönstem Sonnenschein,  ging es dann zum Flughafen.  

Wie schnell das Gedächtnis doch löscht - das ewige Gezuckel über den Flughafen, der krasse Geräuschpegel im Flugzeug, die Kälte (ein Glück hatte ich den pullover! ) und die Müdigkeit (nein, im Flugzeug kann man nicht schlafen) , die ewige Einreiseprozedur. Immerhin sorgen die Japaner für reichlich Bewegungsprogramm, indem sie einen nicht etwas in einer schnöden Schlage an den Schaltern warten lassen - oh nein.  Es wird ein cleveres Labyrinth aus Absperrbändern aufgefahren, durch das man einer Laborratte gleich den Raum in mehreren Kilometern Schlangenlinie durchwetzen darf, garniert mit Ratespaß an welchem Schalter man denn am Ende landen würde. 
 
Dann am Flughafen SIM-Karte kaufen (gibt es in allen Arten,  25 GB werden wohl reichen) und erstmal beim Kaffee alle Karten und Geldscheine sortieren. Die DKB-Debitkarte spuckte Geld aus ohne zu mucken und 10.000 Y zu 620€ sind ein einziger Traum! Japan,  hier bin ich wieder!   


Sonntag, 29. Mai 2016

Ende Gelände - Bye Bye Asagaya!

Kaum ist es Mitte 2016, schon komme ich zum Schluss meines schönen Blogs - Nach unserem kleinen Ausflug nach Sendai, Matsushima und dem Ashikaga Flower Park war ja auch einfach Schluss. Ich hatte noch genau einen Abend und einen Vormittag um die *hust* restlichen Sachen zu packen, die am Ende phänomenalerweise in drei fette Koffer und zwei Rucksäcke passten. Außerdem mussten natürlich überzählige Kissen und Futons und Bettzeug zu einem Freund geschafft werden, der gottseidank nur drei Haltestellen weiter weg wohnte und der genug Platz hatte, um zwei Leute und ihr liebenswert minimales Gepäck aufzunehmen - in Tokyo ja durchaus keine Selbstverständlichkeit.  

Dann mussten die Auszugsprozeduren beendet werden - sprich Gas und Strom mussten abgemeldet werden, wobei die Schwierigkeit eigentlich nur darin bestand, auf die Menschen zu warten und bar die letzten Beträge zu bezahlen. Alsdann war das Zimmer abnahmebereit zu putzen. Dann bekam ich sogar meine Kaution sofort zurück und schon schloss sich die Tür hinter uns und es war endlich alles pünktlich erledigt - inklusive meiner Wenigkeit. 

Aber zu einer letzten kleinen Runde mit Freunden in Shin-Okubo beim Koreaner hat es noch gereicht und so verging auch der letzte Tag. Die Abreise war dann auch ungewohnt einfach - Taxi macht's möglich. Immerhin kann man im Internet ziemlich genau sehen, wie viel ein Taxi nach Haneda kosten würde und für ca. 70 € war unsere Rücken- und Nervengesundheit gesichert, die sonst in der morgentlichen Rush-hour inklusive Umsteigen sicherlich den Bach runter gegangen wäre. 

Und schwupps - schon war man in Leipzig, der Abhofservice stand bereit und kutschierte einen nach Hause. Und was soll ich sagen? Es war alles wie immer. Ist ja auch nicht schlecht. :) 

Ich bedanke mich bei den treuen Lesern meines Blogs und vielleicht gibt es ja ein nächstes Mal, auch wenn ich wirklich nicht sagen kann, wann und wo. Mal guggen. :D

Donnerstag, 12. Mai 2016

Michinoku Park - Blümchen bei richtigem Kaltwetter (11.04.2016)

An diesem Tag täuschte der strahlende Sonnenschein am klaren hellblauen Himmel gekonnt über die herrschenden winterlichen Temperaturen hinweg. Das war uns allerdings erst so richtig klar, als wir am Eingang des Michinoku Parks aus dem Bus stiegen. Nachdem wir aus dem Hostel ausgecheckt hatten und unser Köferchen mal wieder in einem Schließfach am Bahnhof zurückließen und eilenden Schrittes zur Bushaltestelle eielten, kam uns das Wetter gar nicht so garstig vor (zumal wir den Tag in Matsushima ja noch in lebhafter Erinnerung hatten). Nach knapper Stunde Busfahrt ließ ich mich dazu hinreisen, Franz auf die schneebedeckten Bergkuppen aufmerksam zu machen und meinte im Scherz, dass es hoffentlich nicht anfangen würde zu schneien.

Schneebedeckte Berge im Hintergrund; die Kirschblüte im Vordergrund. (Aus dem fahrenden Bus aufgenommen)
Dreimal, nein, nur einmal düft ihr raten, was vom Himmel gerieselt kam, als wir ausgestiegen sind! Zum Glück verzog sich die Wolke schnell wieder, aber ich da war ich schon an meine Abstammung vom Wettergott (Papa, siehe Blog) erinnert worden.

Der Michinoku Park liegt etwa mittig zwischen Sendai und Yamagata. Angelegt wurde er wohl, um die Attraktivität des Hinterlandes außerhalb der Mega-Städte zu steigern und gerade junge Familien zu ermuntern, nicht auch noch wegzuziehen bzw. sich wieder niederzulassen. Daher überraschen die großen Spielplatzareale nicht. Ich hätte ja zu gerne die Hüpf-Gummi-Wellen-Dingens ausprobiert, aber Franz musste mir natürlich das KLEINGEDRUCKTE übersetzen und mich darauf hinweisen, dass nur Kinder bis 12 Jahren das Betreten der Anlagen gestattet sei. Hmpf.

Jedenfalls ist die Parkanlage sehr gelungen und im Sommer - oder zumindest bei schönem Wetter - bestimmt überbevölkert, so dass wir gerade an jenem Tag den Park fast für uns alleine hatten. Ein Umstand, der sich auch auf den menschenfreien Fotos bemerkbar macht.

Blumenrabatten.
Bepflanzung der Parkanlage. Es schließen sich ein Teich mit Freiflächen und den Spielplätzen an. Eine Woche später und es hätte wahrscheinlich nur so geblüht und gefarbprächtigt.
Das überhaupt keeeiiin Wind war, sieht man hier...
Durch gefroren wie wir waren, statten wir einer Imbisbude einen Besuch ab und schlürften lecker heiße Nudelsuppe in uns hinein, bevor wir und wieder auf den Weg zurück nach Sendai machten und uns noch ein heißes Schokolädchen gönnten bis wir schließlich in den Shinkansen einsteigen mussten, der uns wieder nach Tokio brachte. Dort angekommen packten wir dann den Großteil der Kledage in die Koffer und sammelten alle Sachen zusammen, die bei einem Kumpel von Franz ein neues Zuhause finden sollten. Die erste Fuhre wurde gleich am Abend noch zu ihm verbracht. Danke für's kommen und helfen, Jan! 

Montag, 25. April 2016

Matsushima – Kieferinseln bei Wind- und Regenwetter (10.04.2016)


Nachdem es am Sonnabend so herrlich warm war, während wir durch Sendai spazwandern gewesen sind, überraschte uns der Temperatursturz (trotz eindeutigem Wetterbericht) doch etwas (sehr). Dick eingepackt und mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen stiegen wir in Matsushima aus der Bimmelbahn aus. Der Name des Ortes ist Programm: Matsu- (Kiefern) und -shima (Inseln). Die Küstenlandschaft zählt zu den „drei schönsten Landschaften Japans“ (Der berühmte Torii von Miyajima haben wir beide schon gesehen; bei der Himmelsbrücke Amanohashidate waren wir beide noch nicht) und da lag ein Ausflug nahe. 

Die Kieferninseln verschwinden auf dem Foto zwar fast alle im Nebel, aber sie waren/ sind immer noch da.

Da es also sooo ungemütlich war, huschten wir schnell zur ersten Insel, die man bequem über eine kleinen Steg erreichen konnte und begaben uns dann erst einmal auf die Suche nach einem Happen zum Mittagessen. Die Suche ist gar nicht so einfach, bedenkt man meine Abneigung, die ich allen Meeresbewohnern entgegenbringe, die allerdings typisch für die regionale (Küsten-)Küche sind: Krabben und Muscheln. So entschieden wir uns, die zweite für die Region typische Kochempfehlung zu kosten: Ochsenzunge. Ich muss sagen, die schmeckte gar nicht so schlecht; eigentlich ganz gut sogar. Also, um ehrlich zu sein, sie war sogar sehr delikat. 

Insel Godaido - Gerade mal so groß, dass ein kleiner Schrein darauf Platz hat.
Schrein von vorne.

Frisch gestärkt, nahmen wir nun die zweite küstennahe Insel ins Visier und nachdem wir den fälligen Brückenzoll entrichtet hatten, drehten wir auf ihr eine Runde. Von dort aus blickten wir auf die weiter entfernt verstreut liegenden Inseln und fassten den Plan, uns einfach in eines der Ausflugsschiffe zu setzen und dem Wind hinter den Kabinenscheiben ein Schnippchen zu schlagen. 

Gesagt, getan. Eine knappe Stunde schipperten wir so durch die Bucht vor Matsushima und umschifften einige der 260 Kleinstinseln. Einige von ihnen haben während des Erdbebens von  2011 gelitten und sind in sich zusammengefallen oder wurden auseinandergerissen, alles in allem haben sie aber die Stadt vor der größten Katastrophe bewahrt, in dem sie als natürliche Wellenbrecher fungiert haben. 

Die meisten Inseln haben - ähnlich wie Steinsformationen in Yelhliu - je nach Form, spezifische Namen erhalten. Die, die meiner Meinung nach stark an eine Ente erinnert, lässt die Japaner allerdings eher an einen sitzenden Samurai denken (Niōjima). Nun ja. Natürlich hatte auch Date Masamune eine Lieblingsinsel (Senganjima). Die beeindruckendste war allerdings die von mir getaufte "Brückeninsel" (Kanejima).

Kanejima.
Niōjima.
Nach diesem Kurzausflug hielt uns nicht mehr viel in der Eiseskälte und wir fuhren nach Sendai zurück. Unser Plan: Ein Toastbrot auftreiben und im Hostel ausgiebig abendbroten, um anschließend den Blog voran zu bringen. Vereitelt wurde Teil Zwei unseres Plans durch die leutselige Runde, die sich im Aufenthaltsraum gebildet hatte und uns vom Arbeiten abhielt und wir uns sehr gerne abhalten ließen. 

Mittwoch, 20. April 2016

Sendai – Großstadt trifft Natur (09.04.2016)



Mit dem Shinkansen brausten wir von Tokyo Richtung Norden in die Region Tohoku. Sendai, die uns beiden noch unbekannte Stadt in der Küstenpräfektur Miyagi, war unser Ziel. Während der Zugfahrt schrieb ich fleißig Blog, während beim Franz mal wieder der Kopf absackte. Na, wenigstens wurde nicht geschnarcht.

In Sendai angekommen, schlossen wir unseren Koffer mal wieder in ein Schließfach ein und machten uns auf eine erste Erkundungstour auf. Sendai ist erstaunlich grün, ist man den Betonchic Tokioter Straßen gewohnt. Nicht nur, dass man ringsherum das Gebirge in der Ferne sich erheben sieht und man immer wieder auf Abschnitte des durch die Stadt mäandernden Hirose-Flusses trifft, auch die größten Straßen der Stadt sind mit Zelkoven gesäumt. Google weiß (ich nicht), dass es sich um ein Ulmengewächs handelt, welches hauptsächlich in Südwest- und Ostasien beheimatet ist. Sowohl im Osten als auch im Westen der Stadt sind größere Parkareale zu finden. Deswegen wurde die Stadt schon Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Beinamen „Stadt der Bäume“ versehen.  

Kaum aus dem Bahnhof heraus, fallem einem die mit Bäumen gesäumten Straßen auf.
Bevor wir uns jedoch zum ersten kulturhistorischen Stätte aufmachten, kehrten wir in einem kleinen Restaurantchen ein, was wohl von drei jungen Leuten betrieben wurde. Franz meinte, es gäbe immer mehr solch‘ kleinerer Imbisse, die mit täglich wechselnden ein-zwei Menüs zur Mittagszeit aufwarten, dabei aber nicht klassisch nur einer Gerichttradition verhaftet bleiben, sondern kulinarisch vielfältiger sind. Jedenfalls war mein Tomatencurry exzellent und von der Menge völlig ausreichend; Franzens Zitronengras-Hühnchen hat auch super geschmeckt. 

Danach konnte es losgehen: Natürlich zur Burg oder was davon noch übrig geblieben ist. Sendai wurde 1600 von Date Masamune gegründet und zeitgleich begannen auch die Bauarbeiten an der Burg, die, zu ihrer Bauumgebung bezugnehmend, „Aobajō“ genannt wurde („Burg der Grünen Blätter“). Erst im Juli 1945 zerstörten Napalmbomben einen Großteil der Burg und die Umgebung. Dagegen richteten das Erdbeben und der darauffolgende Tsunami von 2011 vergleichsweise wenige Schäden in der Stadt an. Der unerwartete Sonnenschein ließ uns während des Aufstieges alle Pullover und Jacken ausziehen; die Temperaturen kletterten auf 20°C, in der Sonne war es bestimmt noch wärmer. Jedenfalls war es schön, mal wieder blauen Himmel auf Fotos zu haben.

Blick auf Sendai vom Burgplateau. Außer dem nachgemauerten Grundriss steht von der Burg aber nix mehr. Anders als in Tokio, kann man in Sendai aber Vieles einfach zu Fuß erlaufen, ohne dafür Tagesmärsche einzuplanen.
Date Masamune.
Anschließend suchten wir die Grabstätten der verschiedenen Dates auf. Nach erfolgreicher Suche fanden wir auf Umwegen schließlich auch die erhaltenen, bzw. wiederaufgebauten Mausoleen. Wiederaufgebaut wurden sie Ende der 1970er und in den 1980er Jahren, wiederum restauriert und gekittet nach dem Erdbeben 2011. In dem kleinen Museum erfuhren wir, dass Date Masamune (1567-1636) gerade mal 159cm groß war. Dagegen musste sein Nachfolger, Date Tadamune (1599-1658), mit 165 cm schon als groß bezeichnet werden, bedenkt man, dass der Dritte im Bunde, Date Tsunamune (1440-1711), mit gerade mal 155 cm der kleinste der Lords gewesen ist. Im Schatten der Bäume, auch einiger Kirschbäume, schritten wir also die drei Mausoleen ab: Zuihoden, Kansenden und schließlich den Zennoden. Neben den Ruhestädten der Feudalherren fanden sich auch einige Stelen aufgereiht. Ein unschöner Brauch veranlasste nämlich einige der Gefolgsleute sich verpflichtet zu fühlen, ihrem verstorbenen Herrn in den Tod zu folgen. Ihre Leichen wurden zwar in den jeweiligen Familiengräbern beigesetzt, die Stelen erinnern aber an ihre letzte Ehrerweisung gegenüber ihrem Dienstherren. 

Der Zuihoden. Date Masamunes letzte Ruhestädte.
Eine Stelenreihe. Es gab ihrer mehrere...
Bei Einbruch der Dunkelheit durchquerten wir die Stadt, um zum Tsutsujigaoka Park zu gelangen, wo die angeblich schönste Kirschblüte von ganz Sendai zu finden ist. Ähnlich wie in Ueno waren auch hier die Baumkronen hübsch mit Laternen angeleuchtet und entsprechend viele Menschen waren noch unterwegs. Einige taten dies aber schon nicht mehr selbstständig. 

"Hauptstraße" durch den Tsutsujigaoka Park.
Nach diesem Abstecher in den Osten der Stadt, sammelten wir am Bahnhof unseren Koffer ein und schlenderten in Richtung unseres Hostels, wo wir die nächsten zwei Nächte nächtigen würden. Unterwegs schnasselten wir lecker, lecker Gyoza. Hm, warum gibt es eigentlich nur Sushi-Restaurants in Deutschland?

Montag, 18. April 2016

Takadanobaba – zwar ohne Alibaba aber schließlich doch mit Beute – in Ikebukoro (08.04.2016)

Die größten Haufen waren verstaut, die gewaschene Wäsche hing überall von allen Stangen in der Bude und Platz war immer noch knapp. Da traf es sich gut, dass wir es noch ein mal wissen wollten: Sind wirklich schon alle Blüten gefallen? Wir verließen also unsere Schlafstätte und fuhren diesmal nach Takadanobaba zum Kanal. Dort erhofften wir bei weniger Menschenandrang als in Naka-Meguro (Tag 1) noch schönblühende Kirschbäume entlang des Kandaflusses anzutreffen. Wer sagt’s denn: Kaum eine Seele unterwegs und die Bäumchen hielten auch noch tapfer ihre Blüten bei den Stängelchen.
 
Der Regen hatte noch nicht so viel Schaden angerichtet und so habe ich das Herabrieseln der Kirschblüten nicht miterlebt.
Auf der Rücktour standen wir plötzlich vor einer Sackgasse und ganz unjapanisch kletterten wir einfach das Mäuerchen hoch und liefen ganz illegal an den Schienen entlang bis zum nächsten Fußweg. Komisch, stand gar Niemand mit Fähnchen herum, der uns hätte vor diesem gefahrvollen Weg warnen können… Ganz unbeschadet, aber mit knurrendem Magen, kehrten wir im Restaurant Seizeriya ein, eine Ladenkette, die mit pseudo-italienischem Flair aufwartet, aber angenehm kleine Mittagsportionen zu sehr anständigen Preisen anbietet. 

Gestärkt stiegen wir in die Bahn und fuhren nach Ikebukoro, um nach einer neuen Windjacke für mich Ausschau zu halten. Meine allerschönste Lieblingsjacke, die mir seit sage und schreibe 15 Jahren durch jede Wetterlage gefolgt ist, wurde in einem unachtsamen Moment mal gegen das Licht gehalten… Die unerbittlichen Sonnenstrahlen offenbarten beim Durchleuchten des Stoffes ein sich auflösendes Innenleben. Zum Glück wurde diese Jacke vor ihrem Dahinscheiden auf einer japanischen Müllsammelecke in voller Pracht auf einem Foto verewigt (vorangegangener Blogeintrag, 10tes Bild). 
In Ikebukoro schlugen wir uns mal zu jenem, mal zu einem anderen Lageplan durch und suchten nach den entsprechenden Outdoor-Bekleidungs-Geschäften und wo sie zu finden sind. In diesem Gewimmel an Einkaufstempeln (die meiner Auffassung nach alle gleich aussehen, wirklich ALLE) mit ihren Verbindungsgängen zur Metro, zu den Zügen und Bussen kann man schon mal den Überblick über den eigenen Standort verlieren. Jedenfalls fanden wir den angestrebten Laden nicht und kehrten stattdessen in Franzens Lieblingsshop ein. Dreimal dürft ihr raten, wer zuerst eine Jacke erbeutet hat… Typisch!

Keine halbe Stunde später hatte ich jedoch auch eine gesehen, zielstrebig anvisiert, mir vom Haken geschnappt, anprobiert und zum Kauf auserkoren. Die Jacke wartet natürlich im Anka-Chic auf und kommt ganz ohne Rüschen, Schleifchen und Muster aus und so ein Dunkelblau ist auch ganz toll. So schnell hatte ich noch nie eine Jacke gefunden! Allerdings durfte ich sie nicht gleich mitnehmen; Franz musste erst einmal Geld kaufen gehen, was bei diesen Entfernungen schon mal eine weitere halbe Stunde dauern kann. Dann schmückte ich sie gleich an und es konnte weiter gehen.

UND: Ganz tapfer habe ich noch am gleichen Abend aus meiner alten Jacke die Reisverschlüsse herausgetrennt und den Rest in den japanischen Müll gegeben, damit nicht unnötiges Gepäck unsere Heimkehr belastet. Nur der Franz, der hat das nicht gemacht und alle seine Jacken eingepackt… (:P bäätsch)

Gegen Abend fuhren wir dann doch nach Ueno, dem Bahnhof, wo ich bei meiner ersten Japanreise vergeblich nach dem Franz Ausschau gehalten habe. Dort stehen schließlich auch eine Menge angeleuchteter Kirschbäumen herum. Unter dieser im Verhältnis kleiner Menge an Bäumen saßen erstaunlich viiieeele Menschen, die sich feucht-fröhlich zu prosteten. Jeder hatte seinen Quadratmeter ordentlich mit einer Decke markiert, die Schuhe wurden davor abgestriffen und der anfallende Müll sorgsam in den dafür vorgesehenen Behältnissen entsorgt. Ich glaube, so gesittet geht es wirklich nur in Japan zu; auch wenn der oder die jene/r oder andere/r ordentlich einen im Tee (?) hatte. 

Auch für alle des Japanischen Nichtmächtigen verständlich und ungefähr alle 30 Meter zu finden.
So 'ne angestrahlte Kirchbaumallee hat schon was...
... auch wenn es immer dunkler wird und die Laternen Mühe haben, dagegen anzukommen.
Dafür, dass es ziemlich frischlich war, saß viel Volk auf den mitgebrachten Decken in den dafür vorgesehenen und gekennzeichneten Flächen auf dem Asphalt und süffelte Aljohol. 
Nicht ganz so spät schlüpften wir ins Bett und schlossen die Äugelein. Die Abfahrt zu unserem Kurztrip nach Sendai war schließlich für den nicht ganz so späten Morgen anberaumt.