Freitag, 19. Juni 2026

Kurashiki, die Speicherstadt

Nächster Stopp: Kurashiki (Aussprache: Kuraschki). Da ear ich 2011 schonmal.  Eine Stadt, dessen Bausubstanz den Zweiten Weltkrieg wundersamerweise weitgehend ohne Blessuren überstand. Daher gibt es diesen wunderbaren von Weiden gesäumten Kanal.
Hier hab ich mal um ein Foto gebeten. Im nächsten Augenblick war ich dann mit zehn aufgeregten Taiwanesischen Omas auf 'nem Foto. 😆

Ankunft war aber erstmal abends. Leider bin ich zu unfähig für gute Fotos in der Dunkelheit, daher muss ich euch den Achi-Schrein vorenthalten bis auf diese Uhr mit Tierkreiszeichen, die ihr im Bild oben links seht. Jetzt wisst ihr also, ich war zur Stunde der halben Ratte dort. Alles klar? 😉 
(Ratte ist 23:00-1:00 Uhr. Es war aber 22:00 Uhr laut Zeitstempel des Fotoapparats. Sommerzeit? Hat Japan nicht... 🤔)
Im Übrigen gibt es zumindest in den Städten noch eine staatliche Anzahl an Telefonzellen und Briefkästen. 

Kurashiki ist eine Händlerstadt aus der Edo-Zeit (1600-1868). Der Name bedeutet etwa „Ansammlung von Lagerhäusern“. Die Kura genannten Gebäude sind zwar nicht nur dort zu finden, aber die schiere Anzahl ist wohl einzigartig.  
In den Speichern sind allerhand Läden und Cafés. Geld ist permanent in Gefahr! 😱
Als wichtiges Handelszentrum unter direkter Kontrolle des Shogunats diente die Stadt als Sammelpunkt für allerlei Ware, z.B. Reis und Textilien. Dank des Flusses konnten die Boote die Waren direkt zu den Lagerhäusern transportieren. 
Mein Frühstück bestand aus Toast mit Aufstrich; Der Rikscha- Fahrer machte noch Aufwärmübungen für den Tag. Es ist Hortensienzeit und Figürchen gibt's immer. 
Prägend für die Entwicklung der Stadt wurde das Unternehmen Kurabo, von Ōhara Kōshirō 1889 als eine der modernsten Spinnereien der Zeit errichtet, direkt am Platz der ehemaligen Shogunats-Verwaltung. Heute Ivy-Square genannt, kann man da kunsthandwerkliche Erzeugnisse kaufen.
Der Platz ließ sich aber schwer fotofieren, sieht schon schöner aus. Auch das kleine Bild ganz oben rechts gehört dazu. (Weil "Ivy" heißt "Efeu".)

An die Textilgeschichte der Stadt erinnert v.a. Jeansstoff, der in allen Formen an Mann und Frau gebracht werden. Wer sich von oben bis unten in Denim kleiden will, muss nach Kurashiki. 
Etliche alte Straßenzüge, die zwar komplett dem Tourismus gewidmet sind, aber keine reine Museumsstadt, bieten einen herrlichen Anblick. 
Da es am Tag die ganze Zeit geschifft hatte, ging ich kurzerhand ins Ukiyo-e Holzschnitt-Museum. Hauptperson ist Utagawa Kuniyoshi (Nein, nicht der mit den 53 Ansichten von Edo, die bei uns an der Tür kleben, das ist Utagawa Hiroshige. Nein, nicht der mit der Welle, das ist Katsushika Hokusai.) 
Kuniyoshi hat v.a. Erzählungen illustriert, von Samurai, Schsuspielern, Geistern. Mal keine Landschaften, sehr nett . Und, wer entdeckt die Katzen? Nein, nicht die Figur rechts, die einen Garten verschönert. Links das Bild. Tipp: Guckt mal genauer auf die Totenschädel. 
Kuniyoshi hat seltenerweise auch viele starke Frauenportraita geschaffen, wie hier das von Tomoe Gozen, einer Kriegerin des 11.Jh., die im epische Gempei-Krieg (also, wortwörtlich gemeint, ist auch ein klassisches Epos jap. Literatur, Heike-monogatari) mitgemischt haben soll und entsprechend besungen wird. 
Als nächstes war Regenpause (also, Pause vom Regen) angesagt. So unter'm Schirm ließ sich lecker ein Chashuu-don verspeisen (Schweinefleisch auf Reis). Und ich war trotz Regen nicht die einzige draußen! Denn auch den Japanern ist im klima-gefrierten Laden nämlich kalt! Ham'se so gesagt. So nämich!
Sage keiner, Japaner können kein Business. Die schaffen es, lizenzierte Marken zu lokalisieren. Hier also Snoopy, der weltberühmte Hund, in Schokoladenform, natürlich auch mit Spezialausgaben, die es nur in Kurashiki gibt.  
Naja, es piselte und nieselte dem Abend entgegen, ich schlich durch die Geschäfte. 
Z.B. eins nur für washi-Tape (Papierklebeband mit Muster), das wohl in Kurashiki erfunden worden ist. Wozu so ein altes Auto so dienen kann. 🤭
Am nächsten Morgen hatte ich es nicht eilig, gab es sich endlich wieder blauen Himmel. Das übliche Toast-Frühstück wurde durch einen Kakao-Vormittsgssnack ergänzt. Man sieht es in Bild unten nicht so gut, aber der ganze Stolz der Besitzerin war der Tisch, der vor 150 Jahren aus einem Baum geschnitzt worden war. (Die Glasplatte liegt drauf.) Die Oma zeigte mir sichtlich stolz ihre Schätze, während sie mich 5mal danach fragte, woher ich komme. Das war also meine gute Tat für den Tag. 
Nach einer kleinen Maleinlage ging es dann weiter Richtung Kobe. 

Mittwoch, 17. Juni 2026

Adachi-Kunstmuseum im Reisfeld

Es war Zeit, Izumo den Rücken zu kehren und nach Kurashiki aufzubrechen. Da die Zugstunden aber lang sind, beschloss ich einen Zwischenstopp: das Adachi-Kunstmuseum. 
Zunächst hatte ich von meiner Lehrerin davon erfahren ("Ah, du fährst nach Shimane! Dann gehst du bestimmt ins Adachi-Kunstmuseum." – Öh, jein?), aber Google behauptete, vom Bahnhof müsse man acht Stunden laufen. Daher abgewählt. Aber dann schaute ich mir die Sache näher an und siehe da, der Bahnhof lag eh auf meiner Trasse und das Museum stellt einen kostenlosen Shuttlebus-Service bereit. Na bitte. Ist die Gugl doch nicht allwissend. 
Die Sitzplatzreservierung für die Expresse hat man früher am Schalter gemacht, aber wie überall gibt es immer weniger davon. Es war auch nicht so einfach zu verstehen, dass mein Ticket (Pass genannt, 7 Tage gültig) hier plötzlich ein "Coupon" war und das ist das Papierticket in den Automaten schieben muss, damit das zusätzliche Sitzplatzticket ausgestellt werden konnte,  aber ich hab's geschafft. Hätte ich das nicht, hätte ich auch über den Automaten mit der Zentrale telefonieren können. 
Hat der Typ vor mir gemacht. Da gibt man seine Wünsche durch wie am Schalter und dann drückt der Mensch am anderen Ende der Leitung wohl die richtigen Köpfe und es erscheint auf dem Bildschirm das entsprechende Ticket mit der Reservierung usw. Dann bezahlt man und fertig. 
Jedenfalls habe ich mich brav an den richtigen Aufkleber am Bahnsteig gestellt und schon rauschte ich mit dem Yakumo-Zug Richtung Yasugi.
Der Bahnhof Yasugi mit interessanter Architektur. 

Dort angekommen war alles wie auf dem Silbertablett präsentiert. Die Touristeninfo nimmt die Koffer,  hält sogar netterweise den Bus noch an und 20 Minuten Reisfelder später findet man sich in der Mitte vom Nirgendwo wieder. 
Das Museum ist umzingelt von einer Oase Souvenirläden und das war's an dem Ort dann auch.  Aber da es nun mal die Heimat des reichen Herrn Adachi war, steht das Museum hier. 
Das Konzept integriert Haus und Garten (zum 22.x zum Schönsten Garten gekürt von Japans Gartenjournal), wobei man den Garten v.a. durch das Fenster genießen kann. 
So ein blank geputzter Garten aus der Ferne wirkt doch irgendwie steril. Ich war mehr von den blitzblank geputzt Fenstern beeindruckt, die eine ungetrübte Sicht ermöglichten.  
Ein paar luftige Momente gab es aber auch. 
Die Bambus- Stängelchen fand ich witzig. So wächst Bambus halt. 
 Das hier ist die "Lebende Bildrolle". Anstatt einer echten Bildrolle, wie sie traditionellerweise neben dem Altar hängt,  gibt es ein Fenster, das den Garten (und das Besuchergewusel) zeigt. 
Im Museum selbst gibt es verschiedene Roäume mit kleinen Ausstellungen, momentan zu Lackwaren (immer wieder toll), Kinderbuchillustratoren (sehr schön) und im wesentlichen Nihonga-Maler um Yokoyama Taikan.
Yokoyama war ein japanischer Maler der Jahrhundertwende und einer ersten, der sich mit der Entwicklung eines modernen "japanischen Stils" – Nihonga – befasste. Wie Wikipedia weiß, entwickelte Taikan (mit anderen), beeinflusst von z.B. europäischer Ölmalerei, einen Stil der weniger von den üblichen klaren Konturen und mehr von verschwommene Umrissen geprägt war. 
Eine Zusatzausstellung zeigte neue Künstler*innen. Im Gegensatz zu dem, was ich in Deutschland als moderne Kunst ausgestellt sehe, waren es viele figürliche Bilder.
Die neuen Werke durfte man fotografieren. Hier ein Preisgewinner. 

Da ich am Ende noch Zeit bis zum Bus hatte, wanderte ich noch bisschen ins Land.  
Dieser wilde Pfad war bald schöner als der Garten. 😅
Reisfelder und Gehöfte
Da muss es auch ein Bewässerungssystem geben.  
Dann fand ich auch noch das Café Samurai, ganz modern, wo die Besitzerin sich bemühte, was für's Dorf zu tun. Kalligraphie- und Bastelkurse, Lesungen, Mittagessen und Kaffee. Die namensgebende Rüstung hatte sie selbst für ein Festival gebastelt. Man kann nur Gutes gelingen wünschen.

Komische Gaccha-Figuren des Tages: Winner-Wiener. 





Dienstag, 16. Juni 2026

UNESCO Weltkulturerbe: Die Iwami Ginzan-Silbermine

Izumo-Stadt bietet jetzt nicht so den Anblick, auch wenn die Gulli-Deckel cool sind. (Schließlich stieg Gott Susano-o hier in Izumo herab und besiegte die Schlange Yamato-no-orochi.) Da bricht man doch lieber auf nach Iwami-Ginzan, dem Silberminengebiet im Westen von Izumo. Immerhin UNESCO Weltkulturerbe.

Aber nicht vor dem Frühstück! Für Süß-Esser gibt es fast ausschließlich French Toast, manchmal kommt es aber in einer besonders schönen Form. Süßkartoffelchips und Mais passen überraschend gut.

So gestärkt ging es auf die Pampa-Fahrt. Die Gegend ist gut genug erschlossen, dass man ohne Auto hinkommt, aber insgesamt wirklich noch ein Geheimtipp. 
Dasselbe Zügele auf der Hin- und Rückfahrt.

Ich habe mich ja schon immer gefragt, was eigentlich passieren würde, wenn nicht ÜBERALL andauernd die Regeln dran stehen würden. Obwohl Japan wohl das Land ist, in dem Rauchen am strengsten reguliert ist (im Prinzip ist es seit ein paar Jahren überall verboten, wenn es nicht explizit erlaubt ist), stehen in allen Toiletten und hast-du-nicht-gesehen, dass es verboten ist. In Tokyo steht in den mehrsitzigen Zügen auch explizit, dass pro Bank 8 Leute hinpassen müssen, so dass entsprechend Platz gemacht wird.  
Aber siehe da: Izumo, die kleine Bahn nach Omori, pro Bank passen vier Leute rein, aber die männliche Jugend macht es sich gern bequem. Während die Frauen stehen, weil sie sich nicht trauen, den Mund aufzumachen. Ob es gehofen hätte, wenn ein Zettel drangestanden hätte? Na, ich hab' jedenfalls nicht eingesehen, 45 Minuten zu stehen, zumal ich ja Blog schreiben muss. *scheuch scheuch*

Eine 1,5-stündige Bahn- und Busfahrt in die Pampa später rollt man an einem unscheinbaren Busstopp heraus (da, wo alle anderen halt auch).
Ich starte an einem schönen Schreinchen. Der Kigami-Schrein ist sogar schon im Engishiki Verzeichnis der Shinto-Schreine (10. Jh.) aufgeführt, war aber an der Küste und wurde für sichere Schifffahrt verehrt. Kigami bedeutet „Schildkrötengott“. Als die Silbermine groß in Betrieb war, wurde der Schrein kurzerhand verlegt und umgewidmet, nun sollen die Götter Dürren und Seuchen verhindern.
Das farbenprächtige Deckengemälde stellt einen Drachen dar, der "brüllt", wenn man in die Hände klatscht. In der Tat ertönt ein komisch rasselndes Echo beim Versuch. :)  
Die Schnitzereien sind auch sehr schön. 
Das Gebiet umfasst viele Sachen, für autolose Touristen aber v.a. das Dorf, das entlang der Straße zur Mine liegt. Es ist ganz normal bewohnt, lebt aber natürlich großteils von Touristen. 
Es gibt aber eine Post, eine Bank, eine Schule, eine Bibliothek und ein Revitalisierungsprojekt, das mit von Studenten der nahen Universität betrieben wird. 
In dem Café gab's auch ein Fuß-Plantschbecken. (Die blauen Kacheln, da ist Wasser. )

Japan war nicht immer rohstoffarm. Einst gab es in Iwami-Ginzan wohl Erzvorkommen Dank eines sehr alten und heute nicht mehr als solchen erkennbaren Vulkankraters. Im 16. ging es mit der Mine richtig los, Hauptabnehmer war China, da die Bevölkerung wohl den dortigen Papierscheinen nicht traute. 
Als die Japaner dann auch den Dreh mit der Verhüttung raus hatten, mauserte man sich zum internationalen Player: 200 Tonnen Silbers im Jahr, ca. 1/3 der weltweiten Silberproduktion. Oder um es anders zu sagen: Ohne japanisches Silber wäre Portugal nicht das, was es war, denn die Portugiesen profitierten am meisten am Kauf- und Tausch von Waren gegen Silber zwischen China und Japan.
Daher übernahm die Regierung auch die Verwaltung der Mine, ein Verwalter wurde eingesetzt. 
Beamten-Gräber
Entsprechend gab es auch ein Gericht.
Aber die Mine erschöpfte sich im 19. Jh und wurde 1923 geschlossen. 
In den Hauptschacht der Mine konnte man rein, in did Nebenschächte sollte man keinen Hund hineinjagen. :( 
Holzschnitte zeigen Systeme zur Entwässerung des Schachtes. Am Ende wurde das Silber zu solchen Barren geformt. 
Die Besichtigung des Dorfes kann per Pedes erfolgen,  bis zur Mine leiht man sich aber besser ein (elekrisch unterstütztes) Rad. Nicht nur, weil es sonst ca. 45 Minuten dauert, es bergauf geht und man den Mücken sonst nicht davonradeln kann, sondern auch, weil 17:00 Uhr wie üblich die Bordsteine hochgeklappt werden. Und essen will man ja auch noch!  
 Zurück im Städtele gab es Aal in der Schmuckdose. 
Außerdem habe ich entdeckt, dass Izumo einen netten kleinen Abschnitt Kanal hat (Erschaffer der Samurai-Herr ganz oben), an dem ein nettes Café zu später Stunde zu finden war. So wurde mein Fotosortieren unterstützt durch eine Kreation aus Blätterteig, Eis, Süßer-Bohnenpaste und Minze. Lecker!